Terror – Ferdinand von Schirachs Gerichts-Spiel als Stück der Saison mit seinem Denk- und Diskutierstoff zu Gast in Heidelberg

In der Rolle des Richters

von Wolfgang Behrens

Heidelberg, 1. Mai 2016. Man muss es wohl so sagen: Es ist das Stück der Saison. Wo es gespielt wird – und es wird viel gespielt! –, sind die Häuser voll, und nach den Vorstellungen diskutiert das Publikum das Gesehene leidenschaftlich weiter. Eigentlich der Idealfall fürs Theater: Endlich einmal spricht man nach einem "Und wie fandest Du's?" "Gut." nicht gleich wieder über die Arbeitskollegen oder den nächsten Urlaub, sondern zur Sache. Doch es ist seltsam: Zumindest eine Gruppe nämlich rümpft kollektiv die Nase – die Kritiker. Nein, so geht das nicht, sagen sie, und deswegen ist "Terror" von Ferdinand von Schirach zum Beispiel auch nicht zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen, wo eine Kritiker- (und eben keine Publikums-)Jury das Stück der Saison kürt.

Papiertiger oder Publikumskracher?

Und sie haben ja recht, die Kritiker (was ich jetzt sagen muss, denn ich bin ja selber einer). Ferdinand von Schirach macht wirklich alles falsch, was man als Dramatiker falsch machen kann. Was sind das bitte schön für Figuren, die er da geschrieben hat? Papiertiger, Thesen auf zwei Beinen, Textaufsagemaschinen – und selbst so große Schauspieler*innen wie Anja Laïs, Bettina Hoppe, Constanze Becker oder Nico Holonics in der Frankfurter Gastspiel-Aufführung haben Mühe, sie einigermaßen lebendig und nicht nur hölzern erscheinen zu lassen (es gelingt ihnen übrigens erstaunlich gut).

Und dann diese ständigen oberlehrerhaften Exkurse – andauernd fallen Sätze wie: "Es ist wichtig, dass Sie das wissen" oder "Rechtlich müssen Sie für Ihre Entscheidung noch Folgendes wissen". Belehrungen, die wir als Publikum wie die Zeugen im Zeugenstand geduldig über uns ergehen lassen müssen. Über weite Strecken ziemlich dröge.

Zurück zur Moral

Es bleibt dabei: "Terror" ist ein miserables Drama. Und funktioniert als Theater verdammt gut. Weil es sich des schlichten Kunstgriffs bedient, eine hochtheatrale Institution unserer Gesellschaft einfach in den Theatersaal zurückzuholen: das Gericht. Weil es grundlegende moral- und rechtsphilosophische Fragen behandelt, die jeden von uns tatsächlich beschäftigen: Würden Sie einen fetten Mann von der Brücke schubsen, der mit seinem Körper einen Zug blockierte, der andernfalls zehn andere Menschen in den unverschuldeten Tod risse (ein durchaus gängiges Gedankenexperiment, probieren Sie's doch hier mal aus)? Oder würden Sie – der Fall aus "Terror" – ein Flugzeug mit 164 Menschen abschießen, wenn ein Terrorist drohte, es in ein vollbesetztes Stadion mit 70.000 Menschen zu lenken?

Terror1 700 Birgit HupfeldIm Namen des Volkes: Nico Holonics, Max Mayer, Martin Rentzsch, Viktor Tremmel, Bettina Hoppe, Constanze Becker
in "Terror" © Birgit Hupfeld

Vor allem aber funktioniert "Terror", weil es eine enorme Spannung aufbaut, indem es das Publikum in die Rolle des Richters versetzt, das beurteilen wird, ob der Kampfjet-Pilot, der das Flugzeug in von Schirachs Fiktion abgeschossen hat, schuldig ist oder nicht. Es ist schon fast ein wenig deprimierend zu wissen, dass es genügt, unsere Aufmerksamkeit hochzuhalten, nur weil wir zu Beginn der Vorstellung ein kleines Gerät ausgehändigt bekommen, auf dem wir am Ende die 1 oder die 2 drücken werden, schuldig oder nicht schuldig – weiter nichts. Warum ist eigentlich die Ära der Gerichtsshows im Fernsehen mit Barbara Salesch und Alexander Hold vor einigen Jahren zu Ende gegangen? Weil wir nicht die 1 oder die 2 drücken durften?

Mehr Denk- und Redestoff

Der Entscheidungsspielraum, den wir am Ende haben, ist übrigens beklagenswert unterkomplex. Wir dürfen keine strafmildernden Aspekte eingehen lassen, das Strafmaß haben wir nicht zu bestimmen. Es gilt nur ganz digital: 1 oder 2. Aber was soll's? Genau über diese Dinge kann man ja hinterher reden: "Und was hast Du gedrückt?" "Die 1." "Und warum?" Und der Kritiker muss einräumen: Indem darüber geredet wird (und nicht über das Abendessen von vorgestern), ist in der Tat sehr viel erreicht. Bleibt zu vermelden, dass das Heidelberger Publikum mit 249 gegen 211 Stimmen auf Freispruch plädierte. Der Kritiker hatte sich (wie üblich?) der Mindermeinung angeschlossen.

Terror
von Ferdinand von Schirach
Uraufführung Gastspiel Schauspiel Frankfurt
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüme: Raphaela Rose, Musik: Sven Kaiser, Licht: Frank Kraus, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Anja Laïs, Nico Holonics, Max Mayer, Bettina Hoppe, Viktor Tremmel, Constanze Becker.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.schauspielfrankfurt.de

 

 

Kommentare  

#2 ÄhemHomo heidelbergensis 2016-05-02 11:50
@CK Ja, aber warum möchten Sie denn dann ausrasten, wenn Sie diesen Artikel lesen? So ähnlich wie Sie das schreiben steht es doch auch da drin.
#1 Unsinn!CK 2016-05-02 11:41
Man möchte eigentlich ausrasten bei der Lektüre dieses Artikel. Schirach macht alles falsch? Nun ja, es stimmt: "Terror" ist mehr Versuchsanordnung als Drama, wenn man gattungsgeschichtlich-literaturkritisch an das Stück herangeht . Aber: Ständig wird der Mist, den Elfriede Jelinek produziert, hochgejubelt und das hat vom dramatischen Gehalt her auch nichts, aber gar nichts mit Theater zu tun. Macht aber natürlich nichts in einer Theaterwelt, die gern "theatralisiert" (Romane, Novellen, Filme...). Videos, Gehampel und "Regieeinfälle" machen schon Theater draus. Es ist ja schließlich alles erlaubt. Wenn in den "Kontrakten des Kaufsmann" die Möglichkeit besteht, zwischendurch einfach mal den Saal zu verlassen, weil man das Geblubber nach einer Stunde nicht mehr aushält, sagt das eigentlich schon alles. Ich habe in mehreren Aufführungsbesuchen nur gebanntes Publikum erlebt bei "Terror". Ich habe eher den Eindruck, dass die Damen und Herren Kritiker immer ein Grundsatz-Misstrauen an den Tag legen, wenn ein Stück so erfolgreich ist. Nach dem Motto: Wenn alle Fliegen hinschwirren, muss ja irgendwo Scheiße sein. Wenn Schauspieler dafür verschwendet werden, Jelinek-Texte herunterlabernd zwei Stunde Zelte abzubauen (wie vor einer Zeit in Saarbrücken) und das so super toll ist, verstehe ich nicht, wie man ein Stück, das zu echten Diskussionen anregt, nicht einfach mal als neuen und sinnvollen Impuls im Gegenwartsdrama verstehen kann. Theater soll doch immer Diskussionen anregen. Nach der letzten "Schutzbefohlenen"-Premiere, die ich gesehen habe, hat kein Mensch über das Stück diskutiert. Alle wollten nur schnell ein Glas Sekt haben. "Terror" ist anders. Es scheint die Leute zu bewegen, Schirach hat schon mit seinen Nicht-Theatertexten vorher die Leute bewegt. Sollte man einfach mal anerkennen, insbesondere wenn Leute wie Jelinek oder Zeller als große Dramatikerinnen gelten dürfen. Ja, dann hat Schirach definitiv auch einen Platz unter den Gegenwartsdramatikern. Und zwar mehr als verdientermaßen.

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