3 Fragen an … – Preisträger*innen des Heidelberger Stückemarkts über den Preis, den Markt und über Förderung

"Die Leute wollen einfach gutes Theater sehen"

April 2016. In diesem Jahr begleitet Nachtkritik.de zum fünften Mal den Heidelberger Stückemarkt mit einer eigenen Seite: Zeit, ein wenig zu bilanzieren. Deshalb haben wir drei Fragen formuliert und einige Preisträger*innen des Autorenwettbewerbs aus den vergangenen Jahrgängen gebeten, uns darauf zu antworten - so lang oder kurz sie wollten. Die Fragen lauteten:

 

1. Sie wurden mit dem Autorenpreis ausgezeichnet. Wie hat sich Ihre Situation als Dramatiker*in im Verhältnis zur Zeit davor verändert?

2. Wie gestaltet sich Ihre Arbeit als Autor*in unter dem Vorzeichen der Marktinteressen und Spielplanlogistik der Theater?

3. Wie schätzen Sie generell die Förderung zeitgenössischer Dramatik ein?

 

Lukas Linder, Preisträger 2015 für "Der Mann aus Oklahoma"

LukasLinder SteffenSiebenhun© Steffen Siebenhün

zu Frage 1: "Es ist auf alle Fälle nicht so, dass die Zweifel, die mich beim Schreiben begleiten, dadurch weniger geworden wären. Längerfristig ist so ein Preis dann doch zu abstrakt, als dass man sich allein vom Anblick der leuchtenden Urkunde zu herrlichsten Sätzen animiert fühlte. Die Sätze, die ich schreibe, kommen weiterhin aus derselben Unsicherheit. Der Preis adelt sie nicht. Und wenn dann wäre es einfach eine geadelte Unsicherheit. Was Aufträge anbelangt, so hat sich die Situation seit dem Preisgewinn nicht auffallend verändert. Sicherlich ist mein Name dadurch stärker ins Bewusstsein von Theaterleuten gerückt. Doch damit daraus das Bewusstwerden einer Notwendigkeit, Stücke von mir zu spielen, resultiert, genügt der Preis offensichtlich nicht. Was ich damit sagen möchte: Ich bin noch zu haben. Ich kann Stücke schreiben in den beliebtesten Genres: Tragische Familienkomödien, Epische Schlachten (Mit Pferden), Moralische Lehrstücke, Singspiele, Stücke am Puls der Zeit, Pferdemonologe."

zu Frage 2: "Grundsätzlich schreibe ich einfach das, worauf ich selber am meisten Lust habe. Es lässt sich schwer einschätzen, inwiefern sich das mit den gegenwärtigen Marktinteressen deckt. Oft ist es Glückssache. Wobei ich mir schon die Frage stelle, ob der Markt überhaupt gerne ins Theater geht. Es ist natürlich wünschenswert, nicht völlig an der Gegenwart vorbeizuschreiben. Doch empfinde ich es als sehr schwierig, fast unmöglich, die Gegenwart sehenden Auges aufs Papier zu bringen. Ich glaube, gute Kunst setzt voraus, dass man etwas an den Dingen vorbeisieht. Die schrägen, gelegentlich fast antiquiert anmutenden Resultate, die so ein Schielblick zeitigt, mögen vielleicht nicht immer mit den Marktinteressen übereinstimmen. Aber man kann sich ja immer damit trösten, in 200 Jahren wiederentdeckt zu werden."

zu Frage 3: "Persönlich habe ich immer nur sehr gute Erfahrungen mit Autorenförderung gemacht. Vor allem mit dem Autorenlabor, das ich am Düsseldorfer Schauspielhaus bei Thomas Jonigk besucht habe. Trotzdem empfinde ich Autorenförderung generell als zwiespältig. Vielleicht kann ich es am besten mit einem Bild ausdrücken: Da wird so ein Mensch, ein Autor, mit den Flügeln, die er selber oder ein anderer an seine Schultern geklebt hat, jahrelang über eine Rampe geführt. Irgendwann ist die Rampe zu Ende: ‚Flieg!', ruft man ihm zu. Die einen steigen sofort – selbstverständlich wie ein Albatros - in die Höhe. Alle Blicke sind nur noch auf sie gerichtet. Und man vergisst völlig jene anderen, deren Flügel irgendwie nicht funktionieren. Und dass sie dort unten an der Rampe scheinbar sinnlos vor sich hinschlagend vielleicht ebenfalls Bemerkenswertes machen."

 

Ulf Schmidt, Preisträger 2014 für "Der Marienthaler Dachs"

UlfSchmidt JoBacherl© Jo Bacherl

zu Frage 1: "Der Text wurde uraufgeführt. Neue Gesprächszusammenhänge mit neu Kennengelernten. Keine dramatischen Veränderungen."

zu Frage 2: "Mit dem Begriff 'Autor' kann ich noch immer nichts anfangen. Ich schreibe. Manchmal stößt das auf Interesse bei Theatern. Manchmal nicht. Manchmal beauftragen sie mich. Manchmal nicht. Ich würde - Stichwort 'Writers Room' - gerne engere Zusammenarbeit finden. Vielleicht tut sich da gerade was. Stay tuned."

zu Frage 3: "Wie es um die Förderung neuer Schreiber*innen bestellt ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Was jedenfalls der Aufmerksamkeit bedarf, ist der anschließende Professionalisierungs-Abschnitt, in dem Schreiber*innen, die über die Erstphase hinaus sind, in größerer Zahl von ihrer Schreibarbeit für Theater leben können. Viel zu viele gute Schreiber*innen gehen den Theatern früher oder später verloren, weil sie sich den Luxus, fürs Theater zu schreiben, nicht mehr leisten können, wollen oder dürfen."

 

 

Henriette Dushe, Preisträgerin 2013 für "lupus in fabula"

HenrietteDushe CarolinPitzke© Carolin Pitzke

zu Frage 1: "Ich bin seit dem Stückemarkt eine Autorin mit Verlag. Allein die Nominierung zum Stückemarkt reichte aus, mein Telefon hörte nicht mehr auf zu klingeln: Man bot mir zum ersten Mal von mehreren Seiten an, mich in ein Verlagsprogramm aufzunehmen. Vom Verlag wiederum weiß ich, dass jede Nominierung, jeder Stückemarkt-Preis zur Folge hat, dass die Texte von den Dramaturgen der Häuser angefordert und gelesen werden. In diesem Sinne war der Stückemarkt für die Wahrnehmung meiner Texte wesentlich."

zu Frage 2: "Marktinteressen spielen bei meiner schreibenden Arbeit keine Rolle, so funktioniere ich nicht, auch wenn ich weiß, dass ich gut beraten bin, Stücke für kleine Bühnen, für wenige und am besten männliche Schauspieler mit wenig Aufwand an Ausstattung zu schreiben, will ich gespielt werden. Auch ist mir bewusst, dass es kaum ein Stück schaffen wird, nach seiner Uraufführung ein zweites Mal inszeniert zu werden, denn in der Regel ist eben eine Uraufführung gefordert (meist im Rahmen einer Ausschreibung, eines Festivals etc.)."

zu Frage 3: "Allein die Frage verweist auf die wesentliche Problematik, der die zeitgenössische Dramatik ausgesetzt ist: Sie ist nicht selbstverständlicher Bestanteil theatraler Auseinandersetzung, sie ist ein zu förderndes Ding, zu schwach anscheinend, um ihretwillen wahrgenommen und diskutiert zu werden, sie muss in meist und häufig in extra Formaten dem Publikum als Exotik verkauft werden."

 

Philipp Löhle, Preisträger 2008 für "Lilly Link oder Schwere Zeiten für die Rev..."

PhilippLohle FernandoPerezRe© Fernando Perez Re

zu Frage 1: "Das ist bei mir eigentlich ganz einfach. Ich war davor quasi kein Dramatiker (hauptberuflich!) und danach eben schon. Diese Preise, wie Heidelberg oder Theatertreffen-Stückemarkt oder Kleistpreis usw. helfen einfach erstmal, den Namen der Autoren bekannter zu machen, was wiederum den Texten hilft, weil die dann eher von Theatern gelesen werden. In Heidelberg ist mit dem Preis auch eine Uraufführung verbunden. Das freut den Autoren dann eben auch, weil was gibt's besseres als gespielt zu werden."

zu Frage 2: "Ich bin davon relativ unberührt oder ignoriere es zumindest. Ich sage mir einfach: Auf der einen Seite bin ich und habe große Lust, Theaterstücke zu schreiben, das heißt mich mit Themen zu beschäftigen, die mich interessieren und diese in Texte zu verpacken und so vor mich hinzuwurschteln. Und auf der anderen Seite sind da Theater, die Lust haben diese Texte aufzuführen. Das finde ich absolut großartig, dass es so ist und wünsche mir, dass es nie aufhört. (Ich klopfe auf alles Holz, was ich hier finden kann.)"

zu Frage 3: "Das klingt jetzt so schrecklich positiv, aber wir sind da in Deutschland einfach sehr gesegnet. Ich schreibe diese Mail gerade aus Toronto, wo mein Stück 'DAS DING' morgen Premiere hat. Und hier, wie in den meisten Ländern, in denen ich Einblick in die Theaterszene bekommen habe, habe ich selten ein Förder- oder Theatersystem, wie in Deutschland gefunden. Okay, in England gibt es noch ein kleines Förderbiotop in London. Da schwappt auch mal was zu uns rüber. Aber schon Frankreich, Spanien oder Italien? Da will man nicht mehr Autor werden, wenn es so ein Krampf ist, bis ein Text mal auf einer Bühne steht. Und bei uns ist einfach dieser Apparat, der nicht nur in einer Stadt, der Hauptstadt meinetwegen, Versuche mit neuen Texten zulässt, sondern bis in die hinterste Provinz gibt es diese tollen Stadttheater, die einfach planen können, worauf sie Lust haben. Und das ist eben oft auch zeitgenössische Dramatik. Und jedes zweite Theater ruft seinen Förderpreis aus. Das mag einem manchmal etwas inflationär viel vorkommen, aber was ist daran denn so schlecht? Im schlimmsten Fall kommt dadurch ein neues Stück von einem neuen Autor zur Aufführung. Ja, und? Klar, man kann immer nach mehr Zeitgenössischem rufen und nach größeren Bühnen für Gegenwartsdramatik, aber ich weiß nicht, ob das wirklich hilft. Da stört mich dann eher diese Hemmschwelle vorm Nachspiel, die es immer noch gibt. Und die Idee einen Autor zu versenken, in dem man ihn als Hausautor an sein Theater bindet ohne einen Text von ihm/ihr aufzuführen."

 

Katharina Schlender, Preisträgerin 2003 für "Wermut"

katharina schlender KarstenSocher© Karsten Socherzu Frage 1: "Nicht sonderlich. Es war schön mit 25 Jahren, damals seit ca. drei Jahren im "Geschäft", diese Auszeichnung zu bekommen, und es hat mich auf jeden Fall bestärkt, weiter zu machen, aber an meiner persönlichen Schreibsituation oder an meinem Verhältnis zu Theatern hat der Preis nichts geändert."

zu Frage 2: "Logistisch schreiben konnte ich wohl noch nie und selbst wenn ich mit Kreide schreiben würde, meine Stimme bliebe immer meine eigene. Entweder sind die Theater (Wer ist eigentlich "die Theater"?) an meiner Autorenstimme interessiert oder nicht, da habe ich als bloßer Autor keinen Einfluss drauf. Und Uraufführungsrecht? Ist man als Autor achtsam oder eitel oder tapfer, darauf noch zu beharren?"

zu Frage 3: "Bei der Förderung junger Autoren sollten die Förderer nur versuchen, ja, es wenigstens versuchen!, die Autoren als Künstler auf Augenhöhe wahrzunehmen und das ganze nicht in ein Lehrer-Schüler-Verhältnis setzen. Das wäre ein Wunsch von mir. Außerdem fehlt mir, ja, auch mir persönlich derzeit die nachhaltige Arbeit und/oder Bemühung um Autoren über 40 Jahren."

 

Bernhard Studlar, Preisträger 2001 für "Transdanubia Dreaming"

BernhardStudlar© Anna Stöcher

zu Frage 1: "Die Situation hat sich dramatisch verändert! Nein, ganz im Ernst, die Auszeichnung war ein wesentlicher Anstoß meiner Karriere. Mein Siegerstück ‚Transdanubia Dreaming' wurde danach am Akademietheater in Wien uraufgeführt und daraus haben sich weitere Aufträge ergeben."

zu Frage 2: "Das fehlende Interesse der Theater für Nachspiele führt zu einem großen Produktionsdruck. Ich denke, das geht nicht nur mir so. Es führt dazu, dass man sich so gut wie keine Pause gönnen kann. Eigentlich absurd. Man wird zum Konkurrenten seiner selbst, da das jeweils neueste Stück ein Nachspiel des gerade mal ein paar Monate alten Textes verhindert."

zu Frage 3: "Zwiespältig. Ein renommiertes Festival wie der Heidelberger Stückemarkt ist natürlich wichtiger Impulsgeber und Förderer. Aber letztendlich sind Aufführungen die besten Förderungen zeitgenössischer Dramatik. Und da sollten sich die Theater ruhig mal mehr trauen und Stücke öfter zeigen, als das siebenundvierzigste Wochenende der Gegenwartsdramatik zu veranstalten. Denn dem Publikum ist es bei weitem weniger wichtig, ob es sich um eine Uraufführung oder Erstaufführung handelt, als viele Theaterleute denken. Die Leute wollen einfach gutes Theater sehen."

 

Die Fragen stellten Simone Kaempf, Wolfgang Behrens und Janis El-Bira.

 

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