LSD. Mein Sorgenkind – Thom Luz' audio-optische Erkundung im Gastspiel beim Heidelberger Stückemarkt

Rauschhafte Fahrradfahrt

von Georg Kasch

Heidelberg, 4. Mai 2016. Was ist das Geheimnis des Lebens? Gerade als Daniele Pintaudi an der Rampe ansetzt, es zu verkünden, scheppert es derart, dass seine Auflösung untergeht. Was typisch ist für die verschroben-kühle Hexenküche, in der die sechs weißbekittelten Performenden herumwerkeln, als forschten sie an der Weltformel. Thom Luz und Wolfgang Menardi haben klobige Bildschirme zusammengetragen und wohlpräparierte (Farb-)Klaviere, ein Cembalo, einen Vogelbauer mit gelben Kanarienvögeln und lauter altmodische Apparate, aus denen es raunt und knackt und rauscht wie aus einer anderen Welt.

Dabei ist diese Welt dieselbe, nur anders wahrgenommen: durch die Brille von Lysergsäurediethylamid, kurz LSD. Das hatte der Basler Chemiker Albert Hofmann 1938 zufällig entdeckt und 1943 an sich selbst getestet – die Wirkung stellte sich ein, als er auf dem Rad vom Labor nach Hause fuhr. Später schrieb er darüber das Buch "LSD – Mein Sorgenkind". So heißt auch Luz' Abend am Theater Basel, der das Naheliegende (etwa Kreise, Spiralen, Farbfontänen und was dergleichen mehr über LSD-Räusche berichtet wird) links liegenlässt, um sich einem synästhetischen Nebenphänomen zu widmen: Hofmann hielt unter anderem fest, dass sich akustische Wahrnehmungen bei ihm in optische Empfindungen verwandelten. 

Klänge, Bilder und Geheimnis

Diese Transformation erledigen auf der Bühne die vielen Farbklaviere: Auf langen weißen Papierbahnen, die in den Bühnenhimmel steigen, halten sie als optische Spuren fest, was Pintaudi und Mathias Weibel von Bach und Haydn bis Nico Muhly auf ihnen spielen. Dazu orgelt eine Verkehrsampel, verschüttet Mario Fuchs – oops – blaue Farbe, durch die die Kollegen ungerührt stiefeln, sprühen Funken, weil jemand ein Fahrrad schlachtet und die Einzelteile zu bespielbaren Instrumenten umwidmet. So richtig außer Kontrolle geraten wirkt hier dennoch nichts. Nur einmal saust eine Bast-Hütte über die Bühne wie ein durchgeknallter automatischer Staubsauger.

Lsd2 700 Simon HallstroemDer Gesang des Kanarienvogels und andere audio-optische Schönheiten: Wolfgang Menardi in "LSD"
© Simon Hallström

Das tolle an Luz-Abenden ist, dass er genügend Fäden miteinander verknüpft, um sie begreifbar zu machen. Und dass er genügend Enden lose lässt, um dem Ganzen ein Geheimnis zu bewahren. So auch hier: Hofmanns Heimfahrt-Trip zerfällt bei Luz in Spuren, die sich über den Abend verteilen und sich so schwer zusammensetzen lassen wie die Sprache, die oft zu unverständlichen Fragmenten zerbröselt ("LSD"-Dramaturg ist übrigens der Dramatiker Ewald Palmetshofer, der sonst aus dem Stammeln heraus seine kunstvoll rhythmisierten Dialoge webt und hier dieses Stammeln in die Sprachlosigkeit treibt).

Alle Spektralfarben

Wie schon in "When I die", "Archiv des Unvollständigen" und "Atlas der abgelegenen Inseln" zeigt Luz ein immenses Gespür für Nuancen und Rhythmus, für Situationskomik und Details. Einmal singen die sechs Performer eine spanische Variante von "Because" der Beatles, das ja an sich schon klingt, als würde Licht in seine Spektralfarben gebrochen. Wenig später hält der Kamerablick in jenem Film, der während des Abends auf zahlreichen Schwarzweiß-Bildschirmen Hofmanns Rad-Heimweg aus der Fahrerperspektive zeigt, plötzlich an einem Zebrastreifen, über den die Performer laufen wie die Beatles auf dem Cover des "Abbey Road"-Albums, auf dem "Because" veröffentlicht wurde. Auf solche audiooptischen Pointen muss man erst mal kommen!

"LSD" ist kein rauschhafter Abend. Geradezu nüchtern fügt er seine Bestandteile aneinander. Das aber so leidenschaftlich und in so irrwitzigen Kombinationen, dass in den Reibungen ein Sog entsteht, dem man sich nicht entziehen kann. Vom Geheimnis des Lebens weiß man danach soviel wie zuvor. Vom Geheimnis der Kunst aber ein gutes Stück mehr.

 

LSD. Sorgenkind
von Thom Luz
Uraufführung
Regie: Thom Luz, Bühne: Wolfgang Menardi, Thom Luz, Kostüme und Licht: Tina Bleuler, Musikalische Leitung: Mathias Weibel, Dramaturgie: Ewald Palmetshofer.
Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel, Leonie Merlin Young.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.theater-basel.ch

 

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