Autor*innenpreis
Mehdi Moradpour – Goodbye Giganten
Die Mulde spricht. Eine Tagebaugrube ist Schauplatz und Protagonistin in "Goodbye Giganten" – sie vollführt eine dramatische Tiefenbohrung auf der Suche nach einer Sprache für die Klimakrise. Menschen und Tiere starren in ihren Abgrund und suchen nach einem Ursprung, nach einem mythisch-menschlichen Grund dafür, dass hier die Erde aufgerissen wird, um Bodenschätze zu fördern.
Die Mulde ruft Mythen auf, Prometheus, Zarathustra, die Eule der Athene und die Göttin Kali: Sie alle ringen um die Geschichte der "Giganten" und ihrer menschlichen Nachkommen. Raus aus dem Wald, rein ins Licht? Oder lieber für immer zurück in die dunkle Erde?
Mehdi Moradpour ist Autor, Gerichts- und Community-Dolmetscher sowie Übersetzer für Persisch (Farsi und Dari) sowie Spanisch. Nach einem abgebrochenen Studium im Iran studierte er ab 2004 Hispanistik, Informatik, Soziologie und dann Amerikanistik und Arabistik in Leipzig und Havanna sowie ab 2014 Szenisches Schreiben in Graz. Seine Texte wurden mehrfach übersetzt und ausgezeichnet. Er war als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen und am Schauspiel Bochum tätig und ist ab der Spielzeit 2025/26 Dramaturg am Thalia Theater Hamburg.
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Das Stückporträt: Goodbye Giganten – Mehdi Moradpour
Von Simone Kaempf
25. Februar 2026. Vom Hambacher Forst ist nie die Rede. Aber natürlich denkt man an diesen Wald in Nordrhein-Westfalen, der vor 12.000 Jahren entstand und fast komplett dem Braunkohletagebau zum Opfer fiel. Die aufsehenerregenden Besetzungen und Proteste führten dazu, dass die Rodung des letzten Stücks Wald ausgesetzt wurde, und bald wird in Hambach keine Kohle mehr abgebaut. Aber die Abbauhalden drumherum bleiben, riesige Krater mit Abbruchkanten, für die Wälder, Tiere, ganze Dörfer und Menschen gewichen sind, in Hambach und auch in anderen Regionen. Öde Krater, oder, wie es in "Goodbye Giganten" heißt: "Eine offene Wunde! Ein goldener Schlund" oder "Monumentale Leere", "klaffendes Maul", ein "Fetzen Weltgewebe", "zerrissen wie von einem Sturm". Schrecklich, aber auch schrecklich schön. Denn neue Landschaften locken, geflutete Badeseen "mit fremdem Wasser, das viel verspricht", Segelboote, Wanderwege, Sumpfparadies, Palmen und Sommerstimmung, die poetisch beschworen werden.
Wofür die Kohletagebaugrube steht, liegt also ganz im Auge des Betrachters. Und betrachtet wird sie hier von Vielen, von Menschen, die mit dem Auto kommen oder dem Bus, die am Abgrund stehen und hineinstarren. In der Nacht auch von Wildschweinen, Eulen, Spechten und Mäusen, Kröten, Füchsen und Faltern, die sich ambivalent verhalten wie der Mensch, sich wegdrehen und weghüpfen, hinwegsegeln oder hineinstürzen. Lerne: Anziehung und Abstoßung liegen beim Thema Kohletagebau dicht beieinander.
Wann hätte die Menschheit anders abbiegen können?
Der besondere Erzähler von Mehdi Moradpours Stück kennt beides. Denn hier spricht die Tagebaugrube selbst und tritt als Beobachter auf. Mit ironischem Erstaunen berichtet er oder sie von dem, was um ihn herum passiert. Und von dem, was diejenigen stellvertretend sehen, die in eine Tagebaugrube schauen: die Zerstörung, das Fortschrittzeichen oder auch das neue Idyll, wenn die Grube erst einmal geflutet ist.
Mit der Baugrube spricht die Natur selbst. Ihr Ton ist freundlich, die beobachtende Perspektive hält sie bis zum Ende durch. Und diese Erzählerposition ist mehr als ein dramatischer Kniff, der sich jenseits der bekannten Fronten von schützenden Aktivist*innen und ausbeuterischer Großindustrie bewegt. Denn so eröffnet sich eine andere Perspektive, eine, die nicht anklagt, aber auch nicht verteidigt, sondern die der Wunsch treibt, zu verstehen, was eigentlich passiert ist; wann der Mensch erstmals in die Natur eingriff, aus Überlebensdrang, aus Neugier oder Hybris.
Eine erste kurze Version von Mehdi Moradpours Stück ist bereits vor einem Jahr entstanden. "Exit Hambi" hieß das Projekt am Schauspielhaus Bochum im Mai 2025, das den Braunkohleabbau im Ruhrgebiet aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet hat. Der Abend endete mit einem Monolog von Mehdi Moradpour, in dem wie jetzt eine Kohlebaugrube sprach. Der Dramatiker und Dramaturg hat den Text zu einer menschlichen Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte erweitert, die auf konkrete Bezüge zu Klimawandel und industrieller Ausbeutung verzichtet, aber gründlich fragt, wann die Menschheit in der Geschichte anders hätte abbiegen können.
Hier kommt kein Bus
Treibende Kraft ist die Tagebaugrube selbst. Sehnsucht rumort in ihr, einen klaren Blick zu bekommen, denn geht es nicht darum: zu verstehen und Klarheit zu gewinnen? Und so switcht auch das Stück im zweiten Teil "weeeiiiiiit…zurück", wie es heißt, in die Vorzeiten, als die Ur-Menschen vereinzelt durch die Wälder streiften und der Himmel in ihrer Vorstellung von Göttern bevölkert war.
Die Evolutionsgeschichte erzählt sich teilweise, wie man sie kennt. Die Ur-Menschen beginnen zu begreifen, dass mehr zu entdecken ist und fällen die Bäume, um den Himmel besser zu sehen. Fehltritt Nummer Null, der in der Logik des Stücks die Verkettung lostritt. Gerade als diese Ur-Menschen aus der Lichtung zurück in den Wald ziehen, kreuzt Prometheus ihren Weg und schenkt ihnen das Feuer. Es bleibt nicht die einzige Begegnung. Athene überreicht ihnen Weisheit, Zarathustra gibt nahrhafte Nüsse und ermunternde Worte mit auf den Weg. Jede*r verspricht Erkenntnis, keine*r schenkt Gewissheit und alle warnen vor den Ratschlägen der anderen. Was soll man da noch glauben?
Diese Ur-Menschen sind genau so zu verunsichern wie wir heute. Im Wald, also in der Wildheit bleiben? Dort, wo "man nichts kaufen kann, nichts verkaufen, und keiner ruft an! Hier kommt auch kein Bus, wenn man nach Hause will"? Oder doch in die Lichtung gehen, die Sicherheit, Komfort und Wohlstand verleiht, allerdings auch Burnout, Depression, Hochwasser und Einsamkeit, wie der Autor seinen Zarathustra sagen lässt? Auf dass jede*r hier nur noch sicher weiß, dass er oder sie nichts mehr weiß.
Anklage oder lauter Aktivismus sind dem Text fern
Die Götter treten als streitlustige Karikaturen auf, die sich in Details verrennen und zweifelhafte Ratschläge erteilen. Das ist Komik mit ernstem Kern. Hier spricht die Vergeblichkeit, in der Vergangenheit den Punkt zu finden, an dem die Gegenwart besser verstehbar ist. Und doch entfaltet sich im Stück das tiefere Verständnis, dass jedes menschliche Handeln die Natur schon immer berührt hat. Alle Umwelt ist längst geformt und von den Menschen gemacht. Diese Erkenntnis vermittelt sich ohne Belehrung. Denn Anklage oder lauter Aktivismus sind dem Text fern.
Als Dramaturg an verschiedenen Theatern (seit dieser Spielzeit am Thalia Theater Hamburg) hat Moradpour keinen thematischen Schwerpunkt, als Autor denkt er seine Texte politisch, aber er ist keiner, der sich hinstellt und die Faust reckt, sondern einer, der seine Texte künstlerisch überformt. "Goodbye Giganten" entspricht trotz der zeitweiligen Figurenrede einer klassischen Textfläche mit Selbstbefragungen und inneren Monologen, die den Assoziationsraum groß halten. Poetische Natur-Beschreibungen kostet der Text aus, wenn sich Hase, Dachs, Igel und viele mehr die Hand geben.
Am Ende lässt Moradpour dann aber auch noch eine utopische Figur an die Abbruchkante treten: eine Atmosphärenchemikerin und ehemalige Umweltaktivistin, die nicht sentimental "Zurück zur Natur" herausruft, sondern klaren Kopfs für eine radikal andere Haltung zu dem Begriff plädiert. Denn alle Beschreibungen einer idyllischen Natur sind romantische Illusion und nur Anreiz, um sie weiter zu konsumieren: "Anstatt uns als Teil der Natur zu inszenieren, müssen wir die Natur gleich aus unserem Vokabular streichen. Dann können wir vielleicht ökologischer denken und besser erleben." So hebt der Text doch noch sein konsumkritisches Plädoyer und entspinnt eine Vision, die überrascht und doch nahe liegt.






