Das Dorf, das Brot und die Autorin

16. März 2026. Südtiroler*innen halfen NS-Verbrechern bei der Flucht über eine sogenannte "Rattenlinie". Von diesem eher unbekannten Kapitel der Nachkriegsgeschichte handelt Miriam Unterthiners Text "Blutbrot". Tomas Schweigen hat die österreichische Erstaufführung im Theater am Werk inszeniert.

Ein Gespräch mit Tomas Schweigen

"Blutbrot" von Miriam Unterthiner in der Inszenierung von Tomas Schweigen © Matthias Heschl

Tomas Schweigen, das Theater am Werk hat Sie gefragt, ob Sie Miriam Unterthiners Text inszenieren möchten. Warum haben Sie zugesagt?

Tomas Schweigen: "Blutbrot" war damals der erste Text, den ich von Miriam Unterthiner gelesen habe und ich antwortete relativ schnell: Ja, unbedingt. Ich finde den Text unglaublich dicht und "lustvoll". Es steckt auch viel Humor darin, was bei diesem Thema vielleicht eher seltsam erscheint. Aber das ist ein gutes Mittel, um sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Es gab trotz der harten Thematik auch viele lustige Momente bei den Proben. Außerdem ist der Text so reich an sinnlichen Metaphern und hat einen tollen Rhythmus. Das hat man schon bei der ersten Probe gemerkt: Spätestens, wenn man ihn laut liest, erkennt man sofort seine Musikalität.

Die Protagonist*innen treten ja kaum als einzelne Personen auf. Es gibt zwar die Figur der "unablässig brotessenden Autorin", die von Josef Mohamed dargestellt wird. Ansonsten tauchen aber vor allem Kollektive auf: "Das Dorf", "das Brot" oder "die Landschaft". Wie haben Sie sich dem angenähert?

Tomas Schweigen: Wenn man den Text liest, könnte man denken, dass das Dorf, das Brot, die Natur jeweils eine Figur sind. Es war mir aber relativ schnell klar, dass wir hier keine Personen in Natur-, Brot- oder Dorfkostümen auftreten lassen wollen, sondern dass es hier um verschiedene Perspektiven geht. Die wichtigste davon ist für mich das Dorfkollektiv. Wir wussten also schon früh, dass wir einen Chor brauchen, wie es im Stück ja auch von der Figur der Autorin eingefordert wird. Aus diesem Chorkörper lösen sich verschiedene Positionen heraus und lassen sich erkennen oder erahnen. Wir wollten den unterschiedlichen Assoziationen, die der Text mit sich bringt, Raum geben. Auch der Bühnenraum war dafür wichtig.

Wie fängt das Bühnenbild die Brot-Metapher ein?

Tomas Schweigen: Er besteht aus der vergrößerten Teig-Struktur von Brot. Das erkennen die meisten zu Beginn gar nicht und das war auch beabsichtigt. Das Bühnenenbild weckt außerdem Assoziationen zu Südtiroler Karst-Formen, zu Höhlen- oder Knochenstrukturen oder zu Myzel-Pilzgeflecht. Vieles, was im Text vorkommt, spiegelt sich darin wider. Die Brot-Metapher ist im Text unglaublich vielschichtig und reicht weit darüber hinaus, dass das Korn des Brotes noch auf dem Boden wächst, über den die Nazis geflohen sind, wobei ihnen die Dorfbewohner geholfen haben.

Blutbrot Wien 14 CMatthias Heschl NachspielintervieIm Brotteig-Bühnenbild: Violetta Zupančič, Isabella Händler, Josef Mohamed (v.l.) © Matthias Heschl

Die Figur der Autorin mischt sich gelegentlich in das Stück ein, wird ganz zu Beginn auch brotessend in einem Video gezeigt. Wie kam es zu der Entscheidung, ihr Alter Ego mit Josef Mohamed zu besetzen und nicht mit einer Schauspielerin?

Tomas Schweigen: Für mich war wichtig, dass hier zwar die Autorin spricht, aber eben durch eine Kunstfigur. Ich wollte verhindern, dass ein Publikum das falsch liest, nur als Gag, dass sich die Autorin da selbst reingeschrieben hat. Deshalb brauchte es für mich eine Form künstlicher Überhöhung oder einen Bruch. Nur was das sein sollte, wusste ich anfangs nicht. Dann hatte ich die Idee, Josef Mohamed für die Rolle zu fragen, der übrigens Tiroler ist, zwar kein Südtiroler, aber immerhin kommt er im weitesten Sinne aus dieser Gegend. Josef bringt eine subtil queere Perspektive mit hinein, in der das Autorinnengeschlecht keine Rolle spielt, man liest es durch die Verfremdung einfach als Autor*innenperspektive. Josef spricht am Anfang des Stücks auch per Video mit Miriam Unterthiner persönlich. So unterhalten sich gewissermaßen zwei Autor*innenpositionen miteinander.

Waren Sie mit der Autorin im engen Austausch, während Sie am Stück gearbeitet haben?

Tomas Schweigen: Miriam Unterthiner und ich haben uns im Vorfeld getroffen, sie war auch zur ersten Probe eingeladen und kannte also von Anfang an das Konzept. Miriam hat uns aber schon davor signalisiert, dass wir mit dem Text machen sollten, was wir für richtig halten. Da gab es ein sehr großes Vertrauen von ihrer Seite. Später hat sie uns dann wieder bei den Proben besucht und wir haben auch das Video gedreht, das zu Beginn des Stücks gezeigt wird.

Der Chor spielt eine wichtige Rolle im Stück. Meist sprechen die Schauspielenden synchron. Wie aufwändig und anspruchsvoll waren die Proben, damit auch alles verständlich ist?

Tomas Schweigen: Das ist für die Spieler*innen natürlich schon eine Herausforderung. Da ich nicht viel Text streichen wollte, war klar, dass wir schon früh sehr diszipliniert mit dem Ausprobieren, dem Aufteilen der Texte und natürlich mit dem Üben beginnen mussten. Es war aber auch klar, dass es hier nicht nur um Auswendiglernen und Synchronität geht. Die Dorfgesellschaft ist zwar ein Kollektiv, birgt aber auch Widersprüche, es gibt unterschiedliche Nuancen. Diese Feinheiten und die diversen Individuen innerhalb des Chores galt es herauszuarbeiten. Wer spricht wann, warum, mit welchem Subtext? In diesem Stück existieren keine klassischen Rollen, trotzdem hat man das Gefühl, nach einiger Zeit unterschiedliche Charaktere kennengelernt zu haben. Da haben wir viel ausprobiert, verändert, überprüft. Chorisches Sprechen wird sonst sehr schnell monoton und dann hört nach fünf Minuten keiner mehr zu.

Im Stück wird ja regelmäßig die Vierte Wand durchbrochen, gegen Ende durchaus aggressiv, wenn zum Beispiel ein Publikumsgast dazu aufgefordert wird, nicht mehr dazwischen zu quatschen oder wenn die Autorinnenfigur laut über ihren Großvater nachdenkt. Was bezweckt der Text Ihrer Meinung nach damit?

Tomas Schweigen: Der Text lotet immer wieder die Mittel des Theaters aus. Es beginnt ja bereits mit dem ersten Monolog der Autorinnenfigur, die das Theater bittet, ihr eben diesen Chor zur Verfügung zu stellen. Es geht nicht nur um den geschichtlichen Kontext der Rattenlinie und der Schuldfrage, sondern Miriam Unterthiner befragt ihre eigene Rolle als Enkeltochter eines Großvaters, der, wie sie herausfindet, auch damit zu tun hatte. Sie verarbeitet die Schuldfrage mit ihren Mitteln sowie mit denen der Sprache und des Theaters. Da liegt es auf der Hand, dass dies auch den Sprechakt auf der Bühne betrifft und man sich fragen muss: Zu wem spreche ich da eigentlich? Wie nahe bringe ich dieses Thema ans Publikum – wortwörtlich – und welches Feedback bekomme ich? Das Publikum auf diese Weise zu involvieren, macht Spaß, weil diese Momente dadurch an jedem Abend ein klein bisschen anders ablaufen.

Die Fragen stellte Patricia Kornfeld

Tomas Schweigen, geboren 1977 in Wien, ist Schauspieler und Regisseur. Er studierte Theaterwissenschaft, Deutsche Philologie, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Wien, absolvierte ebenfalls in Wien ein Schauspielstudium und von 2000 bis 2004 ein Regiestudium an der Theaterhochschule Zürich. 2004 gründete er mit der Schauspielerin Vera von Gunten die freie Theater-Kompanie Far A Day Cage (FADC). Tomas Schweigen arbeitet in der freien Szene und an Stadt- und Staatstheatern. Von 2012 bis 2015 gehörte er zum Leitungsteam der Schauspielsparte am Theater Basel. Von 2015 bis 2023 war er künstlerischer Leiter am Schauspielhaus Wien.


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