Menschliche Nutztiere

12. März 2026. Anaïs Clercs Vier-Personen-Stück "faulender Mond" wurde im Oktober 2024 am Stadttheater Gießen in einem fast realistischen Fleischerei-Setting uraufgeführt. Simon Friedl kommt am Münchner Volkstheater drei Monate später mit zwei Schauspielerinnen und abstrakten, wirkungsvoll eingesetzten Mitteln aus. Sein konzentriertes Regiedebüt ist aktuell für den Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert.

Ein Gespräch mit Simon Friedl

Anaïs Clercs "faulender Mond“ in der Regie von Simon Friedl © Gabriela Neeb

Simon Friedl, Sie waren bereits vor Ihrem Studium an der Folkwang Universität der Künste Regieassistent am Münchner Volkstheater und hatten hier später mit "faulender Mond" auch Ihr Regiedebüt. War der Text Ihre eigene Wahl oder wurde er an Sie herangetragen?

Simon Friedl: Es gab eine interessante Überschneidung: Meine erste studentische Arbeit in einem öffentlichen Raum außerhalb der Uni war eine szenische Lesung am Theater Münster von genau diesem Text. Parallel zu den Proben dort war ich mit dem Dramaturgen Bastian Boß schon auf Stücksuche für München und hatte eines Tages seine E-Mail auf dem Handy: "Ich habe noch einen Text gefunden: 'faulender Mond'. Es geht darin um Folgendes…" Und ich dachte: Sehr lustig! ich weiß relativ genau, worum es geht. Es gab noch Alternativen, aber ich wollte das unbedingt machen.

Witzige Koinzidenz! Und was hat Sie an dem Stück dann gleich doppelt interessiert? Thematisch steckt ja sehr viel drin, von Klassismus- und Konsumkritik über die Klimakatastrophe bis zum Verführungspotenzial rechter Parteien.

Simon Friedl: Mir schien damals ein Thema sehr drängend, das immer noch virulent ist, auch wenn es inzwischen teilweise von anderen Fragen und Konflikten überlagert wird. Und zwar die Tatsache, dass sich der Spielraum, den jeder und jede Einzelne von uns hat, etwa durch die Inflation und den Druck von allen Seiten immer mehr verengt, bis der Alltag fast nur noch aus dem besteht, was ich tun muss, um zu überleben und nichts mehr übrig bleibt von dem, was ich tun möchte, schön finde oder mir erhofft habe. In meiner Wahrnehmung sind die Figuren in dem Stück an einem Punkt angelangt, an dem es für sie so eng geworden ist, dass sie nur noch auf sich selbst schauen und wo der Lebensfrust anfängt, sich gegen andere zu richten. Ist das eine Entscheidung? Wie nachvollziehbar ist sie vielleicht? Und wo landet man da?

Die beiden Hauptfiguren sind zwei Frauen, die in einer Fleischerei arbeiten, aber mal ganz andere Pläne hatten. Die eine, "ANTJE", ist auf der Suche nach dem Glück spielsüchtig geworden und lässt sich von einer dubiosen, neu-rechten Partei für ihre Zwecke einspannen. Die andere, nur "SIE" genannt, bekommt als Schauspielerin nicht mal ein Engagement als Animatorin im Hotel – und selbst ihr ungeborenes Kind wendet sich enttäuscht von ihr ab. In den Repliken dieser Figur hat die Autorin auch ein paar gallige Spitzen gegen das zeitgenössische "Texflächen"-Theater versteckt, in dem "Pferde mit Topfpflanzen tanzen". Wie lesen Sie das?

Simon Friedl: Ich glaube, dass sich das Stück, das inhaltlich so viel anreißt und versucht, dem auf den Grund zu gehen, was unsere Gesellschaft gerade beschäftigt oder beschäftigen sollte, sich hier auch ein bisschen abgrenzt gegen Arbeiten, in denen das nicht stattfindet.

In der Gießener Uraufführung von "faulender Mond" wurden die Figuren aus den Erinnerungen oder Phantasien von ANTJE und SIE von zwei weiteren Darsteller*innen gespielt. Also auch das Kind und der Spielautomat. In Ihrer Version übernehmen Henriette Nagel und Ninsch Noé Stehlin alle Rollen. War die Reduktion auf zwei Spieler*innen eine künstlerische oder eine ökonomische Entscheidung?

Simon Friedl: Mir schien das von Anfang an richtig. Für mich strahlt dieses Fleischerei-Setting eine klaustrophobische Enge aus und die beiden scheinen dem Text nach auch kein ausuferndes Sozialleben zu haben. Aus ihrer Einsamkeit entsteht vielleicht erst diese Verbindung, die es zwischen diesen sehr unterschiedlichen Frauen dann ja doch gibt. Da sind nur zwei Leute, die einander gegenüberstehen und sich aneinander reiben. Stellenweise ist das sowohl sprachlich als auch körperlich brutal. Aber von außen kommt da nichts groß hinzu.

Auch formal ist Ihre Inszenierung sehr reduziert und setzt auf wenige, mobile Bühnenelemente. Besonders gefällt mir der rosa Salzteig, der als Fleisch geknetet und behauen wird, aber auch Geld, einen schwangeren Bauch oder einen kitschigen Kuh-Salzstreuer symbolisieren kann. Wie ist diese Idee entstanden?

Simon Friedl: Diese undefinierbare Masse ist ja kein Fleisch, sondern das, was man wohl "sehr hoch verarbeitet" nennen würde – also so oft durch den Fleischwolf gedreht, bis nicht mehr zu erkennen ist, was es mal war. Und damit körperlich umzugehen und zu arbeiten, kostet einen auch richtig was. Aber wenn man das Bild weiterdenkt, landet man bei den Fragen "Wo stellt sich der Mensch übers Tier?" und "Wo stellt sich der Mensch über den Menschen?" Zu sehen etwa am Beispiel der menschenverachtenden Partei oder der Fleisch-Industrie, die die Leute unter schrecklichen Bedingungen arbeiten lässt.

Anaïs Clerc weitet die "Nutztier"-Metapher auch auf Menschen aus. Und sie etabliert den Mond als großen Beobachter und Sehnsuchtsort. Am Ende fliehen ANTJE und SIE auf den Mond und dann – ohne zu viel zu verraten – wird es utopisch und dystopisch zugleich. Wie sind Sie damit szenisch umgegangen?

Simon Friedl: Die Bühnen- und Kostümbildnerin Paula de la Haye und mich hat vor allem interessiert, den Fleischerei-Raum mit seinen harten, cleanen und glatten Oberflächen in eine Mondlandschaft zu verwandeln. Und das größtenteils mit den Mitteln, die auf der Bühne schon vorhanden waren. Aber es kommt auch zum ersten Mal Musik dazu und auch das Licht verändert sich. Ein interner Probenbesucher hier vom Haus hat dazu gesagt: "Jetzt kommt der Theaterzauber!" Das gefällt mir, dass der Moment, in dem sich die beiden Figuren in einer gemeinsamen Fantasie treffen, auch visuell so ein Zaubermoment ist.

Und was für ein Moment ist es inhaltlich?

Simon Friedl: Die Verhältnisse werden als veränderbar gezeigt und kehren sich um – wie bei Brecht und entgegen den Weltraumbesiedelungsplan von Elon Musk: Die Armen besetzen den Mond und schauen runter, wie es den Reichen auf der Erde ohne sie geht. Einige Leute verstehen das Ende auch als Suizid oder Flucht vor der Realität. Utopie oder Dystopie? Oder die Fantasie als ermächtigendes politisches Mittel? Ich glaube, es steht irgendwo dazwischen – und dann wird es am Ende doch noch sehr konkret.

Die letzten Worte rufen sehr deutlich zum Dialog auf, und vom Nicht-Abbrechen-Lassen des Dialogs mit Andersdenkenden handelt eigentlich das ganze Stück. Sie haben an einigen Stellen etwas gestrafft. Meinem Empfinden nach vor allem in der sehr langen Spielautomaten-Szene. Waren Sie darüber im Dialog mit Anaïs Clerc?

Simon Friedl: Ja, und sie war da ganz entspannt. Wir hatten sogar relativ viel Kontakt. Wir haben uns damals in Münster kennengelernt. Ich mochte ihren Text und was sie damit will oder versucht. Sie mochte, wie ich ihn sehe, und wir sind dann im Austausch geblieben und haben auch im Blick, wieder gemeinsam etwas zu machen.

Interview: Sabine Leucht

Simon Friedl, 1999 in Bad Reichenhall geboren, arbeitete ab 2019 als Regieassistent am Münchner Volkstheater, u.a. mit Christian Stückl, Sapir Heller und Christina Tscharyiski.  Seit 2022 studiert er Regie an der Folkwang Universität der Künste in Essen und Bochum. Seine Arbeiten werden am Münchner Volkstheater, am Schauspiel Wuppertal, am Theater Münster, am Prinz Regent Theater sowie am Schauspielhaus Bochum gezeigt.


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