Aliens vor unserer Haustür

10. März 2026. Was, wenn die Natur den Menschen verdrängen würde? In ihrem Stück "Wald", 2022 im Autor*innenwettbewerb des Heidelberger Stückemarkts vertreten, dreht Miriam V. Lesch das aktuelle Verhältnis von Kultur und Natur um: Hier erobern sich Pflanzen Raum von den Menschen zurück. Katja Wachter hat das Stück in Lübeck nachinszeniert und weiß, was Bäume als Figuren spannend macht.

Ein Gespräch mit Katja Wachter

"Wald" von Miriam V. Lesch in der Regie von Katja Wachter © Sinje Hasheider

Du hast im November 2025 Miriam V. Leschs Stück "Wald" am Theater Lübeck inszeniert. War der Text ein Vorschlag von Dir oder kam er vom Theater?

Katja Wachter: Der Vorschlag kam von mir. Ich hatte den Text gelesen, dem Theater Lübeck vorgeschlagen und sie fanden ihn für meine Art der Inszenierung absolut passend und waren gleich damit einverstanden.

Was hat Dich an dem Stücktext interessiert?

Katja Wachter: Ich fand es total erfrischend, dass das Thema Klimawandel mal ganz anders, nämlich als Utopie, erzählt wird. Diese Umkehrung der Machtverhältnisse, die im Stück stattfindet, also dass der Mensch, der eigentlich die Natur beherrscht und sie für sich nutzt, plötzlich der Unterlegene ist und von der Natur "überrannt" wird, das fand ich sehr originell. Außerdem mochte ich den absurden Witz des Stückes, das Zusammentreffen unterschiedlichster Figuren und Wesen und die unterschiedlichen Perspektiven, die damit zusammenprallen.

Hattest Du Dir vor Probenbeginn die Uraufführung von Milena Paulovics in Oldenburg angesehen? Oder ist das unter Regisseur*innen ein No Go?

Katja Wachter: Ich glaube, das wird von Regisseur*nnen unterschiedlich gehandhabt. Ich schaue mir grundsätzlich keine Vorstellungen des Stückes an, das ich inszenieren werde, weil ich meine Vision irgendwie unbeeinflusst und frisch halten will.

Hättest Du dann nicht lieber die Uraufführung inszeniert?

Katja Wachter: Das Lustige ist: Ich hatte vor, das Stück an der Bayerischen Theaterakademie August Everding zu machen, wo ich jährlich für die Schauspielstudierenden ein Stück inszeniere. Wir haben die Rechte für das Stück damals nicht bekommen, weil unsere Aufführung vor der Uraufführung in Oldenburg gewesen wäre. Als die Uraufführung dann gelaufen war und ich nach Stückvorschlägen in Lübeck gefragt wurde, habe ich als erstes "Wald" genannt, weil es mir immer noch im Kopf herumspukte. Also schließt sich ein Kreis und ich bin jetzt eigentlich ganz froh, dass alles gekommen ist, wie es gekommen ist.

Das Stück erzählt vom nordeuropäischen Wald, der sich Städte und Agrarflächen zurückerobert und ist, wie Du schon gesagt hat, ein Stück über den Klimawandel. Warum braucht es dieses Thema auf den Theaterspielplan?

Katja Wachter: Das Thema war eine Zeit lang sehr präsent, ist jetzt durch aktuelle, andere Krisen wieder in den Hintergrund gerückt. Nachdem der Klimawandel aber eine Sache ist, die universell ist, die auf keine bestimmte Region oder keine eingeschränkte Zeitspanne bezogen ist, etwas, was die Zukunft des Planeten und damit die Zukunft der Menschheit betrifft, muss es gesellschaftlich präsent bleiben, ist es für alle Zeiten aktuell und relevant. Und gehört daher für mich in verschiedensten Erzählweisen auf den Spielplan.

TL 2025 26 Wald 3 S3879 c Sinje Hasheider mNatur in Bewegung: Luisa Böse, Sonja Cariaso © Sinje HasheiderDu arbeitest als Choreografin und Regisseurin. Auch in Deiner "Wald"-Inszenierung verbindest Du Text mit Tanz. Was ist daran das Reizvolle, wo liegen die Schwierigkeiten?

Katja Wachter: Reizvoll ist für mich, dass man bei einer Mischung aus Tanz beziehungsweise Bewegung und Text ja immer auf zwei Ebenen erzählt. Diese zwei Elemente können sich verstärken, alleine stehen, können aber auch konträr zueinander laufen, um Widersprüchliches, Ambivalentes und Uneindeutiges zu erzählen. Text allein ist mir oft zu konkret, Tanz allein zu abstrakt. Schwierigkeiten, die sich ergeben können: Man muss Schauspieler*innen finden, die beide Ebenen verstehen und auch überzeugend einsetzen können. Die körperlichen Ansprüche sind schon beträchtlich, ich habe oft sehr klare Vorstellungen von der Bewegungssprache. Manchmal gibt es auch Probleme mit der Vermittlung oder "Übersetzung", denn Bewegung ist für mich nie Dekoration, sondern immer Bedeutungsträger. Da habe ich quasi einen Subtext zu den Bewegungen und nehme manchmal irrtümlich an, dass das von allen so gelesen wird.

Das Bühnenbild von Agnes Hamvas ist recht abstrakt. Wieso habt Ihr Euch gegen einen konkreten Raum entschieden?

Katja Wachter: Agnes und ich teilen da den gleichen Geschmack. Wir sind beide weniger an Realismus auf der Bühne interessiert. Da ich mit einer abstrahierten (Bewegungs-)Sprache arbeite, möchte ich auch keinen zu konkreten Raum. Ich brauche eine gewisse Offenheit des Raumes, die Möglichkeit, verschiedene Orte innerhalb dieses Raumes zu behaupten und ihn multifunktional zu verstehen. Agnes und ich wollen beide lieber Sachen andeuten, als sie auserzählen, wollen konkrete Elemente in einen neuen – und dadurch vielleicht abstrakteren – Zusammenhang setzen.

Das Stück hat keine Regieanweisungen. Ist das angenehm oder anstrengend?

Katja Wachter: Eigentlich geht beides für mich gleich gut, denn ich habe sowieso meine eigene Vision. Wenn die Regieanweisung da für mich nicht passt, ignoriere ich sie. Wenn sie aber ein gutes Bild, einen guten Ansatz liefert, warum nicht? Es ist es ja fast verpönt, Regieanweisungen zu befolgen, was ich auch manchmal albern finde, so im Sinne von: auf jeden Fall was ganz anderes machen, als die Regieanweisung sagt.

"Waldbaden" ist gerade hoch im Kurs, es hilft beim Stressabbau, wirkt stimmungsaufhellend, fördert die Konzentration. Wie ist es Dir beim Inszenieren von "Wald" ergangen?

Katja Wachter: Na ja, meistens sind Produktionszeiten keine Waldspaziergänge, aber in diesem Fall hatte ich tatsächlich Proben, die so harmonisch und stressfrei waren, wie noch nie. Die Darsteller*innen und das ganze Team waren wirklich ein Geschenk. Nicht direkt Waldbaden, aber ziemlich nah dran.

Was können zeitgenössische Texte im Gegensatz zu Klassikern?

Katja Wachter: Natürlich kann man auch Klassiker bearbeiten, überschreiben, heutig inszenieren. Trotzdem ist die Basis, der Text ja immer historisch und damit in einer anderen Lebensrealität verankert. Zeitgenössische Literatur empfinde ich als ungeheuer reich an verschiedensten aktuellen Themen, die auch aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden. In "Wald" sprechen ja auch die Pflanzen oder Bambi. In anderen Stücken sind es dann auch mal unbelebte Gegenstände oder Emotionen, die auftreten. Diese ausufernde Phantasie mag ich. Der sprachliche Ausdruck ist in der zeitgenössischen Literatur individueller und reicht von sehr narrativer, realistischer Erzählweise bis hin zu stark abstrahierten Textflächen, und je nachdem, wie ein Text geschrieben ist, wird er auch anders erlebt. Diese Fülle an sprachlichen und thematischen Ansätzen hilft, dass sich auch unterschiedliche Gesellschaftsgruppen angesprochen fühlen, dass Texte näher an Problemen und Alltag der Menschen von heute sind, dass man direkter angesprochen wird, als das vielleicht bei einem Klassiker der Fall ist.

Und was können Bäume, was herkömmliche Theaterfiguren nicht können?

Katja Wachter: Bäume sind spannend als "Figuren", weil sie eine nichtmenschliche Lebensform mit eigenen Regeln, anderen Kommunikationsformen, ausgestattet mit Superkräften, wie zum Beispiel Produzieren von Sauerstoff, sind. Sie sind die Aliens, die direkt vor unserer Haustür leben, mit denen wir aufs Engste verbunden sind, ohne es zu bemerken. Diese Beziehungsebene irgendwie erfahrbar zu machen, die Perspektive von Bäumen auf uns einzunehmen, das eröffnet neue Räume.

Interview: Katrin Ullmann

Katja Wachter studierte Tanz an der London Contemporary Dance School. Sie choreografierte als freischaffende Choreografin sowohl für ihr eigenes Ensemble "Selfish Shellfish" als auch für andere, nationale und internationale Kompanien. Seit einigen Jahren arbeitet sie zunehmend im Bereich des Sprechtheaters und unterrichtet an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Neben spartenübergreifenden Performance Projekten und in der freien Szene arbeitet sie an verschiedenen Theatern als Choreografin oder Regisseurin. Das von ihr verfasste Theaterstück "Eine Blume als Gegenwehr" gewann beim Autorenwettbewerb "Stück auf" in Essen den 1. Preis und wurde in der Spielzeit 2013/14 am Schauspielhaus Essen inszeniert.


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