Wir sind echt

Was bedeutet Jüdischsein? Szenisch ist die Antwort der Bürger*innenbühne des Lichthof Theaters, die in ihrer Erzähl-Revue "Juden, Juden, Juden" selbstironisch mit Klischees spielt. Anders als in den aktuellen öffentlichen Debatten wird die Bühne zum Raum versöhnlicher Begegnung.

Von Elena Philipp

28. April 2024. Ist’s genetisch? Erkennt man’s an der Musik? Ist’s eine Lebensphilosophie, eine Religion oder Ethnie? Kurz: Was macht Jüdischsein aus? Antworten sucht (und findet) die Bürger*innenbühne des Hamburger Lichthof Theaters in ihrer Erzähl-Revue "Juden, Juden, Juden". Unkorrekt beginnt der Abend mit sogenannten Judenwitzen. Spot an, je eine*r der elf Spieler*innen sagt ihre Zeilen auf. "Geht ein Rabbiner in ein unkoscheres Restaurant und bestellt ein Spanferkel…" Spot aus, anderer Spot an. "Der kürzeste Judenwitz? Auschwitz." Das Lachen bleibt im Hals stecken. Und auf dem silbergolden glitzernden Showvorhang im Bühnenhintergrund, der jetzt düsterschwarz ist, leuchtet die Projektion auf: "Nur Juden dürfen lachen."

Brennendes Herz, schwarzes Herz. WTF?

Mitten hinein in die aktuelle Diskussionen um Gazakrieg und Antisemitismus ist die Inszenierung gesetzt, die Ron Zimmering und Dor Aloni mit Hamburger Jüd*innen auf die Beine gestellt haben. Und doch umschifft das befrackte Ensemble in Fußballmannschaftsstärke mögliche Verwerfungen, mit einem lebenszugewandten Humor und entspannter Selbstironie. Der 7. Oktober ist Thema, bitterkomisch, in einer nach der Premiere im Juni 2023 hinzugekommenen Szene. Benjamin-Lew Klon, kurz Beni, liest aus der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe vor. Danksagungen nach einem Fest, das die Theatergruppe am 6. Oktober 2023 gemeinsam gefeiert haben will: Wie schön, dass Ihr da wart, Herzchen, Herzchen. – Israel ist von der Hamas angegriffen worden. – Tolle Fotos! Lass uns das Treffen bald wiederholen. – Brennendes Herz, schwarzes Herz. WTF?

Ob das authentisch ist oder ausgedacht – egal. Doch auch über diesen Dokumentargedanken, der Stückentwicklungen mit Expert*innen des Alltags stets begleitet, macht sich "Juden, Juden, Juden" lustig. Mehrfach spricht die Gruppe chorisch, in perfektem Unisono: "Wir sind / Authentisch wir sind. / Echt wir sind nicht inszeniert." Und dreht die Gag-Schraube später noch eins weiter: "Wir / Sind / Der / Chor / und das, das, / das ist ein häufiges Stilmittel im deutschen Theater, um den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft zu beschreiben. / Wir finden das mittlerweile ziemlich ausgelutscht aber wir wollen sein – wie alle." Wenn das mal nicht sitzt.

Zerstörtes Kindheitsparadies

Leichthändig hantiert "Juden, Juden, Juden" mit Klischees. Obwohl die Pointen treffsicher gesetzt sind und das eingespielte Ensemble einen direkten Draht zum Publikum hat, wird kaum laut gelacht – Lachen dürfen nur Juden? Bei allem Humor verliert der Abend auch nie die Abgründe aus dem Blick. "Wir schafften es, rauszukommen" ist ein Grundmotiv: Drei Spieler*innen erzählen die Geschichte der Großmutter einer einstigen Mitspielerin, die die Nazizeit überlebte, weil sie mit den Kindertransporten nach England ausreisen konnte. Iryna berichtet selbst, wie sie mit ihren beiden Kindern nach der Reaktorkatastrophe 1986 aus Tschernobyl floh, ihrem nun zerstörten Kindheitsparadies, wo sie bei den Großeltern die Sommerferien verbrachte, Beeren und Pilze erntete.

JudenJudenJuden IsabelMachadoRios 4548Hier werden Mazzeknödel hergestellt: Es ist gerade Pessach, das Fest des Auszugs aus der ägyptischen Sklaverei und des ungesäuerten Brots (=Mazze) © Isabel Machado-Rios

Alena wollte bei Kriegsausbruch aus der Ukraine fliehen, aber die Straßen waren zu voll, also verbrachte sie lange Tage in den U-Bahn-Schächten von Kyjiw. Tränen steigen in ihre Augen, als sie sich erinnert. Und zack, setzt die Spielerin gleich wieder ein anderes Register dagegen: "Hat euch die Geschichte gefallen? Eine schöne Opfergeschichte, arme Alona." Ihr Körper strafft sich: "Ich bin Schauspielerin. Ihr könnt mir jeden Text geben. Ich bin professionell, ich mache das, kein Problem." Sind wir wieder reingefallen…

Versöhnliche Begegnung

Unterhaltsam ist dieser Abend, textlich wohl gesetzt und szenisch wie auf dem Gleis abschnurrend. Wohltuend, wie hier Kritik an der deutschen Mehrheitsgesellschaft ohne Vorwurf vorgetragen wird und im Theater der so oft beschworene gemeinschaftliche Raum entsteht. Kamila und Nieli kneten auf offener Bühne Mazze, das ungesäuerte Brot, weil gerade Pessach gefeiert wird – in sonstigen Vorstellungen ist es Challah, das Schabbat-Brot –, und auch eine Zuschauerin darf ihre Hände mit Teig verkleben. Getanzt und gesungen wird, weil sich das Olena gewünscht hat, die nicht dabei sein kann, weil sie gerade für ihre Deutschprüfung lernt. Erreicht sie das erforderliche Sprachniveau, wird ihr Aufenthaltstitel verlängert – und dann kann sie, weil sie Jüdin ist – "Habt ihr das Jüdisch-Sein schon mal zu eurem Vorteil genutzt?", lautet die Frage, die Paul stellt, der, ganz andere Geschichte, zum orthodoxen Judentum konvertieren möchte, dessen Großvater Nazi war – also dann kann Olena ihren Mann aus der Ukraine nach Deutschland holen.

Geschichte folgt auf Geschichte, und endlos hätte das noch weitergehen können. Bei all den Unterschieden werden immer auch Gemeinsamkeiten deutlich. Deutsch sein und gleichzeitig Jude – er hätte nicht gedacht, dass das möglich sei, sagte Eli zu Beginn. In diesen Tagen voller Hass und Hetze: welch Hoffnung stiftende, versöhnliche Begegnung.

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JUDEN, JUDEN, JUDEN
Von und mit Hamburger Juden*Jüdinnen / mit Texten von Simoné Goldschmidt-Lechner
Regie: Ron Zimmering und Dor Aloni, Bühne: Letycia Rossi, Kostüme: Florian Parkitny, Musik: Gil Abramov, Produktion: Gregory Popov, Ton: Beata Berger, Lichtdesign: Sönke Christian Herm, Kostümassistenz: Sara Bentivogli, Assistenz: Kairija Heye, Regina Stempel
Mit: Virginia Brunnert, Kamila Gambietz, Paul Gorbach, Iryna Kaplan, Eli Kappo, Benjamin-Lew Klon, Alona Konovalchuk, Alexander Polinsky, Adriana Sass, Piotr Schulsinger, Nieli Stauber, Olena Tyshakova / 
Uraufführung am 15. Juni 2023
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Bürger*innenbühne des LICHTHOF Theaters.

www.theaterheidelberg.de/
"JUDEN JUDEN JUDEN" vom Lichthof Theater Hamburg © Isabel Machado-Rios